Digitale Erschöpfung im Fokus

„Unser Gehirn ist dauerhaft im Alarmzustand“

Daniela Ullmann

Daniela Ullmann, Keynote-Speakerin und Expertin für digitale Selbstführung und mentale Resilienz, erklärt, warum die Dopaminjunkie-Kultur uns kaputt macht, welche Denkfallen Digital Overload befeuern und was Führungskräfte sofort besser machen können. 

Daniela Ullmann hat über zwei Jahrzehnte in internationalen Unternehmen gearbeitet und sich mit den Wechselwirkungen von Führung, Kommunikation und mentaler Gesundheit beschäftigt. Heute berät sie Teams und Führungskräfte zu Themen wie digitale Resilienz, mentale Stärke und nachhaltige Performance. Dort widmet sie sich einem Thema, das uns alle betrifft: die steigende mentale Belastung in einer hypervernetzten Welt. Im Gespräch räumt sie mit Mythen auf, erklärt, was digitaler Stress im Körper anrichtet, und zeigt, wo wir selbst ansetzen können. 
 

Was passiert mental und körperlich, wenn wir dauerhaft zu vielen digitalen Reizen ausgesetzt sind? 

Unser Gehirn schaltet in den Multitasking-Modus – und genau da beginnt das Problem. Wir springen zwischen Aufgaben, ohne eine zu Ende zu finden. Die Aufmerksamkeit lässt nach, die Fehlerquote steigt, die mentale Energie sinkt. Viele fühlen eine innere Unruhe, manchmal sogar Erschöpfung, obwohl sie „nur am Laptop sitzen“. Unser Nervensystem bleibt auch nach Feierabend im Alarmzustand. Das führt zu Schlafproblemen, verminderter Leistungsfähigkeit, Müdigkeit trotz ausreichendem Schlaf. Oft greifen Menschen dann vermehrt zu Kaffee oder anderen stimulierenden Gewohnheiten. 

Warum fällt es uns so schwer, trotz Erschöpfung offline zu gehen? 

Weil wir Leistung oft mit Erreichbarkeit verwechseln. Und weil wir süchtig nach dem nächsten kleinen Dopamin-Kick sind. Jeder Klick, jede Nachricht, jeder Ping belohnt uns kurzfristig. Das Gehirn gewöhnt sich daran – und will mehr. Dieser neurologische Zustand wird auch als „Popcorn Brain“ bezeichnet. Er beschreibt das ständige „Aufpoppen“ von Gedanken durch permanente digitale Reize, ähnlich wie bei Maiskörnern im Popcornautomaten. Wenn wir morgens schon durch Social Media scrollen, verbrauchen wir unsere Dopamin-Reserven, noch bevor der Arbeitstag beginnt. Hinzu kommt: Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen. Sie entstehen nicht mehr natürlich. Wir müssen sie bewusst herstellen. 

Was bedeutet Selbstcoaching im Kontext digitaler Überlastung? 

Selbstcoaching heißt, aus dem Autopiloten auszusteigen. Den Raum zwischen Reiz und Reaktion wieder öffnen. Eine Pause machen. Sich fragen, ob ich wirklich sofort reagieren muss. Es geht auch darum, Grenzen zu akzeptieren. Digitale Tools sind Hilfsmittel, die so entwickelt wurden, dass wir möglichst viel Zeit darin verbringen. Umso wichtiger ist die eigentliche Intention: nutzen, weglegen, fertig. Selbstcoaching bedeutet auch, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen. Ist es eine Pause, das Bedürfnis nach sozialem Kontakt oder nur die Langeweile?  

Welche Denk- oder Verhaltensmuster verstärken Digital Overload besonders? 

Nummer eins: der Multitasking-Mythos. Der Gedanke, dadurch effizienter zu sein, ist ein Trugschluss. Studien zeigen, dass die Produktivität um bis zu 40 Prozent sinkt. Unser Gehirn verbraucht beim ständigen Aufgabenwechsel enorme Energie. Es ist wie ein Browser mit unzähligen offenen Tabs. Nummer zwei: FOMO („Fear of Missing Out“) – die Angst, etwas zu verpassen. Viele haben das Gefühl, sofort reagieren zu müssen, um sichtbar zu bleiben oder Arbeitsleistung zu beweisen. 

Welche einfachen Selbstcoaching-Fragen oder Mini-Übungen helfen im Alltag? 

Zum Beispiel ein täglicher „Check-in“ mit sich selbst. Also eine Reflexion über folgende Fragen: Wie geht es mir gerade? Was brauche ich jetzt? Dann die Stopp-Frage: Ist es wirklich dringend? Hilfreich ist auch, beim Gegenüber aktiv nachzufragen: Bis wann brauchst du das wirklich? Dazu kommen Mikro-Übungen wie das Anwenden von Atemtechnik, einer Entspannungsübung – z.B.  Stretch oder Body-Scan – oder Bewegung an der frischen Luft. 

Was können Führungskräfte tun, um Digital Overload im Team zu reduzieren, ohne die Produktivität zu gefährden? 

Führungskräfte sind Vorbilder und Multiplikatoren zugleich. Sie haben eine Fürsorgepflicht – und eine enorme Wirkungskraft. Digitale Grenzen sichtbar machen ist ein starkes Signal: keine Mails spät abends, im Urlaub offline bleiben, keine Meetings während der Mittagspause. Fokuszeiten schützen, Deep-Work-Phasen ermöglichen. Meetingfreie Tage einführen. Und Termine bewusster gestalten, zum Beispiel mit einem Check-in oder Start fünf Minuten später. Auch Walking-Meetings lösen Probleme schneller als jeder Konferenzraum. 

Welche ersten Schritte schaffen direkt Abhilfe? 

Push-Nachrichten und Signaltöne ausschalten. Den Offline-Modus einstellen. Und regelmäßige mentale Pausen einbauen. Bewegung verdreifacht die Energie. Das ist wissenschaftlich belegt. Am besten alle digitalen Geräte eine Stunde vor dem Schlafengehen ausgeschalten. Ein besonderer Tipp: Wenn das Handy im Graustufen-Modus ist, wird Social Media automatisch weniger interessant für unser Gehirn. Studien zeigen, dass die tägliche Bildschirmzeit damit um 50 Minuten reduziert werden kann.  
Mir ist wichtig: Digitale Balance ist keine Wellness-Maßnahme, sondern ein Leadership-Thema. Wer andere begleiten und stärken will, muss zuerst die eigene mentale Energie schützen. Bewusste Selbstführung ist heute eine Schlüsselkompetenz für nachhaltige Performance – im Coaching wie auch in der Führung.